Den eigenen Hund streicheln und nach einer belastenden Situation schneller zur Ruhe kommen: Diese Erwartung hat eine Studie der Universität Innsbruck nicht bestätigt. Die Untersuchung lieferte jedoch Hinweise darauf, dass körperlicher Kontakt zum Tier die Reaktion auf eine nachfolgende Belastung abschwächen könnte.
Der mögliche Effekt zeigte sich in Messungen der Gehirnaktivität und der Herzfunktion. Er stammt aus einer ergänzenden Auswertung und ist deshalb zunächst als vorläufiger Befund einzuordnen.
Was die Forschenden untersucht haben
Das Team um Vanessa Kaufmann, Xiaoqin Cheng und Annett Schirmer untersuchte 64 Erwachsene zusammen mit ihren eigenen Hunden. Die Teilnehmenden waren durchschnittlich etwa 34 Jahre alt, die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift „Biological Psychology“.
Alle absolvierten zwei Versuchsblöcke mit Ruhephasen, einer belastenden Denkaufgabe und einer anschließenden Begegnung mit ihrem Hund. Körperlicher Kontakt war dabei in einem Durchgang möglich, im anderen dagegen nicht.
Welche Bedingung zuerst stattfand, wurde zufällig zugeteilt. Auf diese Weise konnten die Forschenden untersuchen, ob Berührung einen zusätzlichen Beitrag gegenüber anderen Formen des Kontakts leistet.
Die Untersuchung betrachtet damit einen einzelnen Bestandteil der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Einen breiteren Überblick bietet unser Beitrag über gesundheitliche Vorteile durch Haustiere.
Denkaufgaben und kritische Rückmeldungen erzeugten Druck
Um eine Belastung auszulösen, mussten die Teilnehmenden unter Zeitdruck Wissensfragen beantworten und rückwärts zählen. Zusätzlich wurden sie beobachtet und erhielten kritische Rückmeldungen zu ihrer Leistung.
Anschließend verbrachten sie fünf Minuten mit ihrem Hund. Wenn Berührung möglich war, konnten sie das Tier spontan streicheln, ohne dazu ausdrücklich aufgefordert zu werden.
In der anderen Bedingung waren Sprechen und Blickkontakt erlaubt, körperlicher Kontakt jedoch nicht. Eine Erholungsphase vollständig ohne Hund wurde nicht als eigene Vergleichsbedingung untersucht.
Was Gehirn und Herz über die Belastung verrieten
Die Forschenden erfassten die elektrische Gehirnaktivität mit einem EEG sowie Herzfrequenz und Herzratenvariabilität. Letztere beschreibt die zeitlichen Schwankungen zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und liefert Hinweise auf die Regulation des autonomen Nervensystems.
Während der Denkaufgabe schlug das Herz schneller, die Herzratenvariabilität nahm ab und die Gehirnaktivität veränderte sich. Auch die berichteten negativen Gefühle nahmen zu, hingen aber kaum mit dem Ausmaß der körperlichen Veränderungen zusammen.
Das persönliche Stressempfinden und die körperlichen Messwerte bildeten die Belastung somit nicht deckungsgleich ab. Einzelne Messwerte sind zudem keine eindeutigen Stressanzeigen, da beispielsweise auch Atmung, Bewegung und geistige Anstrengung die Ergebnisse beeinflussen können.
Streicheln beschleunigte die Erholung nicht nachweisbar
Die ursprüngliche Erwartung bestätigte sich nicht: Körperlicher Kontakt zum Hund führte zu keiner nachweisbar schnelleren Erholung nach der Belastung. Ein zusätzlicher Erholungsvorteil gegenüber der Begegnung ohne Berührung ließ sich damit nicht belegen.
Das schließt nicht aus, dass Menschen das Streicheln ihres Hundes als angenehm oder beruhigend erleben. Ein solches Wohlgefühl ist jedoch von einer messbar schnelleren körperlichen Erholung zu unterscheiden.
Beim zweiten Stresstest zeigte sich ein anderes Muster
Bei den Personen, die ihren Hund nach dem ersten Stresstest berühren konnten, fiel die körperliche Reaktion beim zweiten Test in mehreren Messgrößen schwächer aus als beim ersten. Unter anderem zeigten sich eine niedrigere Herzfrequenz, eine höhere Herzratenvariabilität und eine geringere Abnahme der gemessenen EEG-Alpha-Aktivität.
Bei der umgekehrten Reihenfolge waren die entsprechenden Veränderungen statistisch nicht eindeutig. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis auf einen möglichen Puffereffekt vor einer erneuten Belastung.
Dabei handelt es sich zunächst um Veränderungen innerhalb der jeweiligen Gruppe zwischen zwei Durchgängen. Dass eine Veränderung in einer Gruppe statistisch auffällt und in der anderen nicht, beweist für sich genommen noch keinen Unterschied zwischen den Gruppen.
Warum weitere Untersuchungen notwendig sind
Der mögliche Puffereffekt stammt aus einer explorativen Auswertung, die zusätzliche Zusammenhänge untersucht. Eine gezielt darauf ausgerichtete Studie muss deshalb prüfen, ob sich das Ergebnis wiederholen lässt.
Außerdem bedeutet eine schwächere körperliche Reaktion nicht automatisch, dass jemand eine Aufgabe besser bewältigt. Dafür wäre auch zu berücksichtigen, wie aufmerksam und engagiert die Person arbeitet.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Begegnung mit dem Tier: Ohne Berührungsmöglichkeit wurde der Hund an einer kurzen Leine außerhalb der Reichweite gehalten. War Kontakt möglich, konnte sich das Tier dagegen frei bewegen.
Die Situationen unterschieden sich somit auch hinsichtlich der Bewegungsfreiheit und Erreichbarkeit des Hundes. Deshalb lässt sich nicht ohne Weiteres jede beobachtete Veränderung ausschließlich der Berührung zuschreiben.
Für wen die Ergebnisse gelten
Untersucht wurden Erwachsene im Kontakt mit ihrem eigenen Hund. Ob Begegnungen mit fremden Hunden vergleichbare Effekte haben, bleibt offen.
Auch für ältere Menschen liefert die Stichprobe mit ihrem Durchschnittsalter von etwa 34 Jahren keine gesonderte Aussage. Hinzu kommt, dass ein kurzer Leistungstest im Labor alltägliche Belastungen nur teilweise abbildet.
Ob körperlicher Kontakt zum Hund beispielsweise bei beruflichem Zeitdruck, familiären Konflikten oder länger anhaltenden Sorgen ähnlich wirkt, müsste eigens untersucht werden. Aus der Studie lässt sich daher keine allgemeine Schutzwirkung gegen Stress ableiten.
Was Hundehalter im Alltag mitnehmen können
Wer den Kontakt zum eigenen Hund als wohltuend erlebt, kann solchen ruhigen Begegnungen bewusst Raum geben. Die Studie liefert jedoch weder eine feste Anleitung zur Stresssenkung noch eine wissenschaftlich abgesicherte Mindestdauer für das Streicheln.
Ebenso wichtig ist, dass auch das Tier den Kontakt möchte. Es sollte sich jederzeit entziehen können und nicht festgehalten oder zum Kuscheln gedrängt werden.
Für den Umgang mit Belastungen kommen außerdem individuell passende Entspannungsmethoden infrage. Anhaltende psychische Beschwerden sollten fachlich abgeklärt werden.
Häufige Fragen zum Hundestreicheln und Stress
Hilft Hundestreicheln sofort gegen Stress?
Eine schnellere körperliche Erholung durch Berührung konnte die Studie nicht nachweisen. Das schließt ein angenehmes persönliches Erleben beim Streicheln nicht aus.
Welchen möglichen Vorteil hat die Studie gefunden?
Nach vorherigem Körperkontakt zeigten sich Hinweise auf eine schwächere körperliche Reaktion beim nächsten Stresstest. Dieser Befund muss noch gezielt bestätigt werden.
Was bedeutet eine explorative Auswertung?
Dabei untersuchen Forschende zusätzliche Zusammenhänge, aus denen neue Forschungsfragen entstehen können. Solche Ergebnisse sind zunächst als vorläufig einzuordnen.
Gelten die Ergebnisse auch für fremde Hunde?
Das lässt sich aus dieser Untersuchung nicht ableiten. Die Teilnehmenden waren mit ihren eigenen Hunden im Labor.
Wie lange sollte man seinen Hund streicheln?
Eine wirksame Mindestdauer ist nicht belegt. Die fünfminütige Begegnung war Teil des Versuchsaufbaus und keine geprüfte Alltagsempfehlung.
Kann Hundestreicheln eine Behandlung bei anhaltendem Stress ersetzen?
Nein, die Untersuchung belegt keine therapeutische Wirkung bei anhaltenden psychischen Beschwerden. Der Kontakt zum Tier kann als angenehm erlebt werden, ersetzt aber keine notwendige Beratung oder Behandlung.
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Kaufmann, V., Cheng, X. und Schirmer, A. (2026): Pet-induced stress buffering depends on touch: Evidence from brain and cardiac measures. Biological Psychology, Band 210, Artikel 109366, online veröffentlicht am 18. August 2026. Originalstudie zu körperlichem Kontakt mit dem eigenen Hund, Stresserholung und Reaktionen auf eine nachfolgende Belastung. Originalpublikation über DOI · Studieneintrag bei PubMed
- Dolan, E. W., PsyPost (20. Oktober 2026): New study suggests touch is a key ingredient in dogs’ stress-buffering power. Ergänzender Bericht mit Erläuterungen zum Versuchsaufbau, zu Einschränkungen und Aussagen der Forschenden. Bericht bei PsyPost
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.







