Meerrettich enthält Scharfstoffe, die wegen ihrer antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften untersucht werden. Die häufig genannte Empfehlung, täglich 20 Gramm der frischen Wurzel zu essen, ist allerdings kein Beleg dafür, dass diese Menge eine Erkältung verhindert oder zuverlässig verkürzt.
Wenn die Nase läuft und der Hals kratzt, greifen viele Menschen zu Hausmitteln bei Erkältungen. Neben Honig, Kräutertees und warmer Suppe wird dabei immer wieder Meerrettich empfohlen.
Ein aktueller Bericht des Bayerischen Rundfunks hat die scharfe Wurzel erneut ins Gespräch gebracht und nennt 20 Gramm frisch geriebenen Meerrettich täglich als gesundheitsfördernde Menge. Um diese Angabe einzuordnen, lohnt sich ein genauer Blick auf die Inhaltsstoffe, die pflanzenheilkundliche Anwendung und die verfügbaren Studien.
Warum Meerrettich beim Reiben so scharf wird
Meerrettich, regional auch Kren genannt, enthält sogenannte Glucosinolate oder Senfölglykoside. Werden die Pflanzenzellen beim Schneiden oder Reiben beschädigt, kommen diese Stoffe mit dem Enzym Myrosinase in Kontakt, wodurch unter anderem scharf schmeckende Senföle entstehen.
Diese chemische Reaktion erklärt den intensiven Geruch und Geschmack frisch geriebener Wurzeln. Untersuchungen an Meerrettich zeigen zugleich, dass sich der Gehalt an Ausgangsstoffen und die Enzymaktivität zwischen verschiedenen Pflanzen deutlich unterscheiden können.
Senföle werden unter anderem auf antibakterielle und entzündungshemmende Wirkungen untersucht. Solche Eigenschaften liefern eine Erklärung dafür, weshalb Meerrettich medizinisch interessant ist; sie beantworten aber noch nicht, wie gut eine Portion zum Essen bei einer Erkältung hilft.
Weitere Informationen zur Pflanze bietet unser Porträt über Meerrettich, seine Inhaltsstoffe und Anwendungen.
Was die Angabe von 20 Gramm tatsächlich bedeutet
Die Zahl von 20 Gramm findet sich auch in pflanzenheilkundlichen Dosierungsbeschreibungen. Das Arzneipflanzenlexikon der Kooperation Phytopharmaka nennt diese Menge als Tagesdosis der frischen Wurzel und unterscheidet sie ausdrücklich von Pulver und anderen Zubereitungen.
Eine solche Dosierungsangabe beschreibt jedoch keine wissenschaftlich nachgewiesene Schwelle, ab der Erkältungsviren verschwinden oder Beschwerden sicher nachlassen. Aus den verfügbaren klinischen Untersuchungen lässt sich insbesondere keine verlässliche Empfehlung ableiten, dass alle Erwachsenen täglich genau 20 Gramm frischen Meerrettich gegen Erkältungen essen sollten.
Auch die Bezeichnung „gesundheitsfördernd“ bleibt ohne nähere Angaben unscharf. Für Erkrankte wäre beispielsweise relevant, ob Husten spürbar schwächer ausfällt, der Schlaf besser wird oder die Erkrankung früher endet.
Was eine klinische Studie mit Meerrettich gezeigt hat
Für ein Fertigarzneimittel aus Meerrettichwurzel und Kapuzinerkressenkraut liegen klinische Daten vor. In einer 2023 veröffentlichten randomisierten Doppelblindstudie erhielten 384 Menschen mit akuter Bronchitis entweder das Kombinationspräparat oder ein Placebo.
Unter dem pflanzlichen Präparat gingen die erfassten Bronchitisbeschwerden stärker zurück; Unterschiede zeigten sich bereits nach drei Behandlungstagen. Untersucht wurde damit eine bestimmte Kombination zweier Pflanzen in einer festgelegten Zubereitung.
Eine Einordnung der Universität Bern verdeutlicht die Größenordnung: Bis zum siebten Tag verbesserte sich der Beschwerdewert unter dem Präparat durchschnittlich um vier Punkte auf einer Skala von null bis 20, unter Placebo um drei Punkte. Die Universität weist darauf hin, dass offenbleibt, wie deutlich Erkrankte diesen statistisch bedeutsamen Unterschied tatsächlich wahrnehmen.
Aus der Studie lässt sich außerdem nicht herauslesen, welchen Anteil Meerrettich allein an der Verbesserung hatte. Ebenso wenig belegt sie die gleiche Wirkung einer frisch geriebenen Wurzel oder einer Meerrettichsoße.
Frisch gerieben lässt sich Meerrettich als Würze verwenden
Wer Meerrettich mag und verträgt, kann ihn in kleinen Mengen zu Speisen geben, etwa zu Quark, Gemüse oder belegtem Brot. Weil die Scharfstoffe flüchtig sind, empfiehlt es sich, die Wurzel erst kurz vor dem Essen zu reiben.
Auch warmen Speisen wird Meerrettich am besten gegen Ende der Zubereitung hinzugefügt. Darauf weist die Verbraucherzentrale Bayern hin, die außerdem erklärt, weshalb beim Raspeln die Augen tränen und die Nase laufen kann.
Eine laufende Nase nach dem Verzehr zeigt zunächst die Reaktion auf die reizenden Scharfstoffe. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass die Infektion bekämpft wird oder schneller abheilt.
Die Schärfe kann auch Beschwerden auslösen
Meerrettich kann Schleimhäute reizen und Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Bei Magen- oder Darmgeschwüren sowie Nierenentzündungen ist von einer medizinischen Anwendung abzusehen; auch allergische Reaktionen sind möglich.
Für Fertigarzneimittel gelten zusätzlich die jeweiligen Angaben der Packungsbeilage. Beim untersuchten Kombinationspräparat werden unter anderem Beschwerden wie Übelkeit, Sodbrennen und Durchfall als mögliche Nebenwirkungen genannt.
Bei Kindern sowie während Schwangerschaft und Stillzeit sollte eine medizinische Anwendung vorab ärztlich oder in der Apotheke abgeklärt werden. Für das Kombinationspräparat liegen für Schwangerschaft und Stillzeit keine ausreichenden Untersuchungen vor.
Honig kann erkältungsbedingten Husten etwas lindern
Unter den klassischen Hausmitteln ist Honig vergleichsweise gut untersucht. Eine 2020 online veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit 14 Studien fand gegenüber der üblichen Versorgung Vorteile bei der Häufigkeit und Stärke von Husten.
Die Aussagekraft hat allerdings Grenzen: Die Studien wiesen insgesamt ein moderates Verzerrungsrisiko auf, und der Vergleich mit Placebo war weniger eindeutig. Die Ergebnisse sprechen damit für eine mögliche Linderung der Beschwerden, belegen aber keine zuverlässige Beseitigung der Infektion.
Erwachsene können beispielsweise etwas Honig pur oder in einem warmen Getränk ausprobieren. Weitere Hintergründe dazu erläutert unser Beitrag über Honig gegen Halsschmerzen und Husten.
Für Kinder unter einem Jahr ist Honig ungeeignet, auch als Bestandteil selbst gemachter Hausmittel. Er kann Sporen enthalten, die bei Säuglingen einen gefährlichen Botulismus auslösen können.
Kräutertee kann guttun, ohne die Erkältung zu verkürzen
Warme Getränke empfinden viele Menschen bei Halskratzen und Erkältungsbeschwerden als angenehm. Dass besonders große Trinkmengen eine Erkältung schneller abklingen lassen, ist nach Angaben des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen jedoch nicht wissenschaftlich belegt.
Bei Thymian erkennt die Europäische Arzneimittel-Agentur die traditionelle Anwendung bestimmter Zubereitungen gegen erkältungsbedingten Husten mit Auswurf an. Sie erklärt zugleich, dass die klinischen Untersuchungen für sichere Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit nicht ausreichen.
Ausreichend zu trinken bleibt dennoch wichtig, um Flüssigkeitsverluste auszugleichen. Als allgemeine Orientierung nennt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rund 1,5 Liter Getränke täglich für Erwachsene, vorzugsweise Wasser oder ungesüßten Tee.
Bei Fieber und starkem Schwitzen kann der Bedarf steigen. Eine Brühe oder Suppe kann dann ebenfalls Flüssigkeit liefern und das Essen erleichtern, wenn der Appetit gering ist.
Vitamin C hilft nicht zuverlässig als kurzfristige Erkältungsbehandlung
Vitamin C wird häufig erst dann zusätzlich eingenommen, wenn die ersten Beschwerden auftreten. In einer Cochrane-Auswertung zeigte dieses Vorgehen jedoch keinen einheitlichen Nutzen für Dauer oder Schwere einer Erkältung.
Bei regelmäßiger Einnahme schon vor der Erkrankung fiel die Erkältungsdauer dagegen im Durchschnitt etwas kürzer aus: bei Erwachsenen um acht Prozent, bei Kindern um 14 Prozent. Bei einer angenommenen Erkrankungsdauer von sieben Tagen entsprechen acht Prozent rechnerisch ungefähr einem halben Tag.
Die Zahlen belegen somit keine schnelle Wirkung einer Vitamintablette bei beginnendem Schnupfen. In der Allgemeinbevölkerung verringerte die regelmäßige Einnahme außerdem nicht die Häufigkeit von Erkältungen.
Vitamin D bietet keinen gesicherten allgemeinen Erkältungsschutz
Auch bei Vitamin D erfüllen sich die Hoffnungen auf einen allgemeinen Schutz vor Atemwegsinfektionen bislang nicht zuverlässig. Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse mit Daten von 64.086 Teilnehmenden aus 46 Studien fand insgesamt keinen statistisch gesicherten vorbeugenden Effekt.
Die Untersuchung befasste sich mit der Vorbeugung akuter Atemwegsinfektionen. Daraus lässt sich keine Empfehlung ableiten, bei einer bereits bestehenden Erkältung eigenständig zusätzlich Vitamin D einzunehmen.
Hausmittel und Nahrungsergänzung im Vergleich
Die Studien unterscheiden sich erheblich hinsichtlich der untersuchten Produkte und Beschwerden. Für den Alltag ist deshalb vor allem wichtig, welche konkrete Wirkung untersucht wurde und auf welche Zubereitung sich ein Ergebnis bezieht.
| Mittel | Was die Untersuchungen oder Fachbewertungen zeigen | Grenze der Aussage |
|---|---|---|
| Frischer Meerrettich | Pflanzenheilkundlich beschrieben; 20 Gramm werden als Tagesdosis genannt. | Kein Nachweis einer zuverlässig wirksamen Erkältungsdosis. |
| Meerrettich mit Kapuzinerkresse | Eine placebokontrollierte Studie fand eine stärkere Besserung akuter Bronchitisbeschwerden. | Ergebnis gilt für das untersuchte Kombinationspräparat. |
| Honig | Kann Häufigkeit und Stärke von Husten etwas vermindern. | Studien haben methodische Schwächen; für Säuglinge ungeeignet. |
| Thymianzubereitungen | Traditionelle Anwendung bei erkältungsbedingtem Husten mit Auswurf anerkannt. | Klinische Belege reichen für sichere Wirksamkeitsaussagen nicht aus. |
| Vitamin C | Regelmäßige Einnahme kann die Erkältungsdauer geringfügig verkürzen. | Bei Einnahme erst ab Symptombeginn kein einheitlicher Nutzen. |
| Vitamin D | Große Metaanalyse fand keinen statistisch gesicherten allgemeinen Vorbeugungseffekt. | Kein belegter Anlass zur zusätzlichen Einnahme allein wegen einer Erkältung. |
Wann ärztlicher Rat erforderlich ist
Hinter Husten, Schnupfen und Abgeschlagenheit können unterschiedliche Atemwegsinfektionen stecken. Bei schwerem Krankheitsgefühl, hohem Fieber, Atemnot oder einer deutlichen Verschlechterung sollten Betroffene ärztliche Hilfe suchen.
Das gilt auch, wenn sich die Beschwerden nach einigen Tagen nicht bessern oder ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf besteht. Bei Menschen mit Risikofaktoren kann eine frühe Abklärung außerdem wichtig sein, weil bei Grippe oder COVID-19 gegebenenfalls eine gezielte Behandlung infrage kommt.
Sechs Fragen und Antworten zu Meerrettich und Erkältungen
Hilft Meerrettich gegen eine Erkältung?
Meerrettich enthält medizinisch interessante Senföle, und ein Kombinationspräparat mit Kapuzinerkresse zeigte in einer Studie Vorteile bei akuter Bronchitis. Für frisch geriebenen Meerrettich allein lässt sich daraus keine zuverlässig nachgewiesene Wirkung gegen Erkältungen ableiten.
Sind täglich 20 Gramm Meerrettich empfehlenswert?
Die Menge wird in pflanzenheilkundlichen Dosierungsbeschreibungen genannt, ist aber keine durch hochwertige Erkältungsstudien belegte Wirkschwelle. Eine allgemeine Empfehlung, diese Menge täglich zur Vorbeugung oder Behandlung zu essen, lässt sich daraus nicht begründen.
Ist Meerrettich aus dem Glas genauso wirksam?
Die klinischen Ergebnisse zu einem Fertigarzneimittel lassen sich nicht auf Lebensmittel aus dem Glas übertragen. Zudem unterscheiden sich Meerrettichprodukte hinsichtlich ihres Wurzelanteils und ihrer Verarbeitung.
Wer sollte bei Meerrettich vorsichtig sein?
Menschen mit Magen- oder Darmgeschwüren, Nierenentzündungen oder einer entsprechenden Allergie sollten Meerrettich nicht medizinisch anwenden. Für Kinder, Schwangere und Stillende ist eine vorherige fachliche Beratung erforderlich.
Kann Honig bei Husten helfen?
Honig kann erkältungsbedingten Husten etwas lindern, wobei die Studien keine gleichmäßig hohe Aussagekraft haben. Kinder unter einem Jahr dürfen wegen des Risikos eines Säuglingsbotulismus keinen Honig erhalten.
Helfen Vitaminpräparate, wenn die Erkältung bereits begonnen hat?
Für Vitamin C zeigte die Einnahme erst nach Symptombeginn keinen einheitlichen Nutzen. Auch für Vitamin D lässt sich keine verlässliche Empfehlung als kurzfristige Behandlung einer gewöhnlichen Erkältung ableiten.
Autoren- und Quelleninformationen
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.







