Mit den kürzeren Tagen wächst die Sorge, zu wenig Vitamin D zu bekommen. Doch aus der schwächeren Wintersonne folgt keine pauschale Empfehlung, dass alle Menschen Tabletten oder Tropfen einnehmen sollten.
Entscheidend sind die persönliche Versorgung, mögliche Erkrankungen und das Risiko für einen Mangel. Wer Vitamin D ergänzt, sollte außerdem zwischen einer vorbeugenden Einnahme und der ärztlichen Behandlung eines nachgewiesenen Mangels unterscheiden.
Nach Empfehlungen des Endokrinologen Stephan Scharla, sollte man bei einer Ergänzung eher täglich niedrig dosieren als gelegentlich große Mengen einnehmen. Das deckt sich auch mit der Bewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung.
Warum der Körper Vitamin D benötigt
Vitamin D unterstützt die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm und hilft, Knochen ausreichend zu mineralisieren. Für seine Aktivierung sind unter anderem Leber und Nieren erforderlich; auch die Muskelfunktion hängt von einer ausreichenden Versorgung ab.
Ein ausgeprägter, länger bestehender Mangel kann bei Kindern Rachitis und bei Erwachsenen eine Osteomalazie auslösen, bei der die Knochen unzureichend mineralisiert sind. Knochenschmerzen und Muskelschwäche können darauf hinweisen, während Müdigkeit allein keine verlässliche Diagnose erlaubt.
Weitere Hintergründe beschreibt unser Überblick zu Ursachen, Symptomen und Behandlung eines Vitamin-D-Mangels. Anhaltende Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden, statt sie auf Verdacht mit immer höheren Vitaminmengen zu behandeln.
Die Wintersonne liefert weniger – Speicher können die Lücke überbrücken
Den größten Teil des benötigten Vitamin D bildet der Körper mithilfe von UV-B-Strahlung in der Haut. In Deutschland reicht die Sonnenstrahlung von Oktober bis März in der Regel nicht aus, um eine ausreichende Neubildung zu gewährleisten.
Der Körper kann jedoch Vitamin D speichern und in sonnenärmeren Monaten auf diese Reserven zurückgreifen. Ein im Winter sinkender Blutwert bedeutet deshalb nicht automatisch, dass bereits eine behandlungsbedürftige Mangelerkrankung besteht.
Aufenthalte im Freien bleiben sinnvoll, rechtfertigen aber weder Sonnenbrände noch Solariumbesuche zur Vitamin-D-Versorgung. Das Gesundheitsportal des Bundes verweist ausdrücklich auf die begrenzte Winterproduktion und rät vom Solarium als Vitamin-D-Quelle ab.
Gesunde Erwachsene profitieren nicht automatisch von zusätzlichen Präparaten
Für gesunde Erwachsene gibt es keine allgemeine Empfehlung, vorsorglich hohe Vitamin-D-Dosen einzunehmen. Die internationale Endocrine Society rät Menschen unter 75 Jahren ohne besondere Behandlungsindikation von einer routinemäßigen Ergänzung über die geltenden Referenzzufuhren hinaus ab.
Wie begrenzt der zusätzliche Nutzen sein kann, zeigt eine große randomisierte Untersuchung aus der VITAL-Studie: Bei 25.871 überwiegend gesunden Erwachsenen senkten täglich 2.000 Internationale Einheiten Vitamin D das Knochenbruchrisiko gegenüber einem Scheinpräparat nicht signifikant. Die Teilnehmenden waren allerdings nicht gezielt wegen eines Vitamin-D-Mangels oder einer Osteoporose ausgewählt worden.
Die im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie beantwortet damit eine Frage der allgemeinen Vorbeugung. Sie widerlegt nicht den Nutzen einer notwendigen Behandlung bei einem ausgeprägten Mangel.
Bei älteren und wenig mobilen Menschen lohnt der genauere Blick
Mit zunehmendem Alter nimmt die Fähigkeit der Haut ab, Vitamin D zu bilden. Wenn wegen eingeschränkter Beweglichkeit zusätzlich wenig Sonnenlicht auf die Haut gelangt, steigt das Risiko einer Unterversorgung.
Das betrifft besonders Menschen, die überwiegend in der Wohnung leben oder in einer Pflegeeinrichtung nur selten nach draußen kommen. Für solche Situationen kann eine regelmäßige Ergänzung sinnvoll sein, auch wenn eine ansonsten ausgewogene Ernährung vorliegt.
Die Leitlinie der Endocrine Society spricht sich bei Menschen ab 75 Jahren für eine vorsorgliche Ergänzung aus und bevorzugt dabei tägliche niedrigere Dosen. Diese Empfehlung ist kein Beleg dafür, dass hohe Blutspiegel oder besonders große Mengen einen zusätzlichen Schutz bieten.
Auch Lebensumstände, Erkrankungen und Medikamente beeinflussen die Versorgung
Ein erhöhtes Risiko besteht außerdem bei Menschen, deren Haut durch Kleidung kaum Sonne erreicht, sowie bei dunkler Hautpigmentierung in sonnenärmeren Breitengraden. Bei Nachtarbeit hängt die Versorgung unter anderem davon ab, wie viel Zeit tatsächlich tagsüber im Freien verbracht wird.
Bei Erkrankungen mit gestörter Fettaufnahme oder nach einer Magenbypass-Operation kann die Aufnahme von Vitamin D beeinträchtigt sein. Chronische Leber- und Nierenerkrankungen können wiederum die Verarbeitung des Vitamins verändern, weshalb eine eigenständige Dosiserhöhung hier keine verlässliche Lösung ist.
Auch bestimmte Arzneimittel, etwa länger eingenommene Glukokortikoide, können den Vitamin-D- und Kalziumstoffwechsel beeinflussen. Ob daraus eine zusätzliche Einnahme folgt, sollte anhand der Erkrankung und der gesamten Medikation beurteilt werden.
Wann ein Bluttest sinnvoll ist
Ein Vitamin-D-Test ist besonders dann hilfreich, wenn Beschwerden, Erkrankungen oder andere Befunde einen begründeten Mangelverdacht ergeben. Für die Beurteilung wird gewöhnlich 25-Hydroxyvitamin D, kurz 25-OH-D, im Blut bestimmt.
Gesunden Menschen ohne entsprechende Hinweise empfiehlt die Endocrine Society kein routinemäßiges Screening. Auch aus einer empfohlenen vorsorglichen Einnahme im höheren Alter folgt nicht automatisch, dass regelmäßig der Vitamin-D-Wert gemessen werden muss.
Bei einer Mangelerkrankung oder einer höher dosierten Behandlung kann die Praxis dagegen Verlaufskontrollen veranlassen. Je nach Situation werden zusätzlich etwa Kalzium, Phosphat, Parathormon oder die Nierenfunktion beurteilt.
Ein niedriger Laborwert braucht eine sorgfältige Einordnung
Nach der in Deutschland häufig verwendeten Einteilung sprechen Werte unter 30 Nanomol pro Liter beziehungsweise unter 12 Nanogramm pro Milliliter für eine mangelhafte Versorgung. Werte ab 50 Nanomol pro Liter beziehungsweise 20 Nanogramm pro Milliliter gelten im Allgemeinen als ausreichend für die Knochengesundheit.
Der Bereich dazwischen wird als suboptimal eingeordnet, bedeutet aber nicht bei jedem Menschen dieselbe gesundheitliche Gefährdung. Jahreszeit, Beschwerden und Begleiterkrankungen beeinflussen, wie ein Befund zu bewerten ist.
Ein möglichst hoher Messwert ist kein sinnvolles Behandlungsziel. Zudem hat die Endocrine Society für die allgemeine Krankheitsvorbeugung bei gesunden Menschen keinen universellen Zielwert festgelegt, weil entsprechende klinische Belege fehlen.
Warum große Einzeldosen problematisch sein können
Ein Präparat alle paar Wochen erscheint bequem, ist aber nicht allein über den rechnerischen Tagesdurchschnitt zu bewerten. Nach hohen Einzeldosen können andere Konzentrationsverläufe entstehen als bei einer täglichen niedrigen Einnahme.
Das BfR warnt vor gesundheitlichen Risiken hoher Vitamin-D-Bolusgaben; in Studien mit sehr hohen Einzeldosen wurden teilweise mehr Stürze und Knochenbrüche beobachtet. Hinzu kommt die Gefahr, ein für längere Abstände vorgesehenes Produkt versehentlich täglich einzunehmen.
Für eine eigenständig gewählte Ergänzung ist deshalb ein täglich niedrig dosiertes Präparat die vorsichtigere Orientierung. Ärztlich verordnete wöchentliche oder andere Behandlungsschemata sind gesondert zu betrachten und sollten nicht ohne Rücksprache verändert werden.
Die Obergrenze von 4.000 Einheiten ist keine Zieldosis
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für Erwachsene eine tolerierbare langfristige Gesamtzufuhr von 100 Mikrogramm beziehungsweise 4.000 Internationalen Einheiten täglich festgelegt. Diese Obergrenze der EFSA umfasst Lebensmittel, angereicherte Produkte und Nahrungsergänzungsmittel zusammen.
Sie beschreibt eine Grenze der Risikobewertung für die Allgemeinbevölkerung und keinen gesundheitlich besonders günstigen Bedarf. Für Kinder unter elf Jahren gelten niedrigere Grenzen; individuell können Erkrankungen oder Medikamente zusätzliche Vorsicht erforderlich machen.
Zu viel Vitamin D kann Nieren und Herz schädigen
Eine Überdosierung kann den Kalziumspiegel im Blut erhöhen und unter anderem Übelkeit, Erbrechen oder Appetitlosigkeit verursachen. In schweren Fällen drohen Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen.
Das Risiko steigt insbesondere durch eine übermäßige Einnahme von Präparaten. Wer mehrere Produkte kombiniert, sollte deshalb die enthaltenen Mengen zusammenrechnen und auch Multivitamine oder Kalziumpräparate mit zugesetztem Vitamin D berücksichtigen.
Zusätzliches Vitamin K2 macht hohe Vitamin-D-Dosen nicht nachweislich sicher. Das BfR betont, dass die gesundheitlichen Wirkungen entsprechender hoch dosierter Kombinationen unzureichend untersucht sind.
Besondere Aufmerksamkeit ist beispielsweise bei bestimmten entwässernden Arzneimitteln, den Thiaziden, erforderlich, weil die Kombination einen erhöhten Kalziumspiegel begünstigen kann. Das Fachinformationsblatt der US-Gesundheitsbehörde NIH beschreibt außerdem Wechselwirkungen und Einflüsse verschiedener Medikamente auf die Vitamin-D-Versorgung.
Was Lebensmittel beitragen können
Fettreiche Fische wie Hering und Lachs liefern vergleichsweise viel Vitamin D, während Eigelb und manche Pilze kleinere Mengen beisteuern. Die übliche Ernährung liefert in Deutschland nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung durchschnittlich etwa zwei bis vier Mikrogramm täglich.
Geeignete Lebensmittel für die Vitamin-D-Versorgung im Winter können die Zufuhr unterstützen. Einen ausgeprägten Mangel oder eine stark eingeschränkte Eigenbildung gleichen sie jedoch nicht zuverlässig aus.
Ob eine zusätzliche Einnahme sinnvoll ist, hängt deshalb vom Gesamtbild ab. Dazu finden Sie weitere Informationen in unserem Beitrag über die Frage, wann Vitamin-D-Nahrungsergänzungsmittel in der dunklen Jahreszeit helfen können.
Sechs Fragen und Antworten zu Vitamin D
Muss im Winter jeder Mensch Vitamin D einnehmen?
Nein, die schwächere Wintersonne allein begründet keine pauschale Einnahmeempfehlung. Entscheidend sind unter anderem die vorhandene Versorgung, persönliche Risikofaktoren und mögliche Erkrankungen.
Wie viel Vitamin D wird bei fehlender Eigenbildung empfohlen?
Der DGE-Schätzwert beträgt ab einem Jahr 20 Mikrogramm beziehungsweise 800 Internationale Einheiten täglich. Gemeint ist die Gesamtzufuhr bei fehlender körpereigener Bildung und nicht ein automatischer Zusatzbedarf für alle.
Sind täglich 1.000 Internationale Einheiten grundsätzlich notwendig?
Nein, die häufig genannte Menge ist keine allgemeine Pflichtdosis. Ob eine Ergänzung erforderlich ist und welche Menge passt, hängt von der individuellen Situation ab.
Sollte vor jeder Einnahme ein Bluttest erfolgen?
Ein routinemäßiger Vitamin-D-Test wird gesunden Menschen ohne begründeten Verdacht nicht empfohlen. Bei einer vermuteten Mangelerkrankung oder einer medizinisch notwendigen höher dosierten Behandlung können Blutuntersuchungen dagegen sinnvoll sein.
Sind große Wochendosen genauso geeignet wie kleine Tagesdosen?
Für eine eigenständig gewählte Ergänzung sprechen die Empfehlungen eher für tägliche niedrige Dosen, weil hohe Einzelgaben Risiken und Einnahmefehler begünstigen können. Ein ärztlich verordnetes wöchentliches Behandlungsschema sollte jedoch nur in Absprache mit der Praxis verändert werden.
Schützt zusätzliches Vitamin K2 vor einer Vitamin-D-Überdosierung?
Ein solcher Schutz ist nicht ausreichend belegt. Auch bei Kombinationspräparaten müssen die Vitamin-D-Menge und mögliche Wechselwirkungen beachtet werden.
Autoren- und Quelleninformationen
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.









